NRA: Den Schuss nicht gehört

Wir haben gestern geschrieben: “Uns graut schon jetzt vor der Pressekonferenz der NRA“. Wir haben uns geirrt. Die heutige Pressekonferenz war wichtig. Nicht etwa weil die obersten Waffenlobbyisten in den USA einen nennenswerten oder irgendwie ernstzunehmenden Beitrag zur Debatte um ausufernde Waffengewalt und den Zugang zu automatischen Waffen geleistet hätten. Ganz im Gegenteil. Die Ursachenforschung war erbärmlich: Liberale Medien und gewaltverherrlichende Computerspiele seien mitverantwortlich. Die Lösungsvorschläge waren schlichtweg absurd: Jede Schule solle durch Bewaffnete geschützt werden. Da war es nur ein schwacher Trost, dass die meisten Kommentatoren im Netz mit Sarkasmus reagierten und die Folgen abertausender Polizisten für die Donut-Industrie durchrechneten oder die Auswirkung zusätzlicher Händer auf das Masturbationsverhalten skizzierten. Das Kommunikationsverhalten der NRA schliesslich stammte aus dem Trainingshandbuch angehender Kommunikatoren, Kapitel “Was geht auf keinen Fall”. O-Ton des NRA-Sprecher: “This is the beginning of a serious conversation. We are not taking any questions today.”

Nein, das war es nicht. Warum also war es eine wichtige Pressekonferenz?

Die heutige Pressekonferenz der National Rifle Association war ein Offenbarungseid. Der Interessenverband der Waffenbesitzer hat sich vor aller Augen als das gezeigt, was er ist: ein ideologisch erstarrter Klub verängstigter und orientierungsloser Männer, die den finanziellen Vorteil der wuchernden amerikanischen Waffenindustrie und den Erhalt der eigenen Feindbilder über das Gemeinwohl stellen. Niemand kann jetzt noch ernsthaft behaupten, dass die NRA einen Beitrag zur Lösung leisten kann. Endlich kann die Debatte ohne den Ballast der faktisch ungestützten Propaganda der Waffennarren stattfinden. Es kann nicht mehr länger darum gehen, ob sondern nur noch wie ein Verkaufsverbot von automatischen Waffen von statten gehen soll. Viel wichtiger noch: der heutige Tag hat – das kann man nur hoffen – die Tore weit aufgestossen, um die hirnverbrannte Faszination einer ganzen Nation mit Feuerwaffen zur Diskussion zu stellen. Joe Biden, übernehmen Sie!

Und sie bewegt sich doch: NRA lädt zu Pressekonferenz

UPDATE: Die Pressekonferenz findet heute um 10.45 ET statt und wird auf nra.org und nranews.com live übertragen.

Die National Rifle Association (NRA) hat für morgen, Freitag den 21. Dezember eine Pressekonferenz in Washington DC per Pressemeldung angekündigt.

Darin drückt sie den Hinterbliebenen der Opfer von Sandy Hooks ihr Mitgefühl aus: The National Rifle Association of America is made up of four million moms and dads, sons and daughters – and we were shocked, saddened and heartbroken by the news of the horrific and senseless murders in Newtown.

Warum das jetzt erst passiert, erklärt die erste Adresse der US-Waffenlobby folgendermassen: Out of respect for the families, and as a matter of common decency, we have given time for mourning, prayer and a full investigation of the facts before commenting.

Im Text der Ankündigung heisst es weiter, man werde sich mit sinnvollen Beiträgen dafür einsetzen, dass so etwas nie wider geschehen könne. Joe Biden wird sich das sicher aufmerksam anhören, soll er doch im Auftrag von Präsident Obama für strengere Gesetzgebung und Kontrollen sorgen.

Schärfere Waffengesetze: Joe soll es richten

Präsident Obama hat heute in einer Pressekonferenz angekündigt, sich für schärfere Waffengesetze einzusetzen. Er hat seinen Vizepräsidenten Joe Biden beauftragt, dieses Vorhaben unverzüglich voranzutreiben. Biden hatte bereits Anteil an einem Gesetz zu Verbrechensbekämpfung 1994 (“Crime Bill”), das seinerzeit auch ein Verbot von Schnellfeuerwaffen vorsah und in seiner Entstehungsphase von Präsident Reagan befürwortet wurde.

Obama legte in seiner Ansprache grossen Wert darauf, nicht das per Bill of Rights und damit per US-Verfassung garantierte Recht auf Waffenbesitz in Frage zu stellen:

Look, like the majority of Americans, I believe that the Second Amendment guarantees an individual right to bear arms. This country has a strong tradition of gun ownership that’s been handed down from generation to generation. Obviously across the country there are regional differences. There are differences between how people feel in urban areas and rural areas. And the fact is the vast majority of gun owners in America are responsible — they buy their guns legally and they use them safely, whether for hunting or sport shooting, collection or protection.

Er machte aber auch klar, dass er das Verhältnis seiner Landsleute zu Schusswaffen für verbesserungswürdig hält:

We’re going to need to work on making access to mental health care at least as easy as access to a gun. We’re going to need to look more closely at a culture that all too often glorifies guns and violence.

Wünschen wir Joe Biden viel Glück. Er wird es brauchen. Wie schnell die Empörung der Amerikaner über das schlimme Geschehen in Sandy Hooks abflauen kann und sich das politische “Window of opportunity” schliessen könnte, bewies die nachfolgende Pressekonferenz: Da zielte die erste Frage nicht auf die Waffengesetze, sondern auf den Fiscal Cliff.

Sorgt Sandy Hook für strengere Waffengesetze?

Es ist wieder passiert. Ein schrecklicher Amoklauf. Diesmal sind viele Kinder im Grundschulalter unter den Opfern. Fest steht: die Amerikander haben eine weltweit unvergleichbare Faszination für Waffen – und das ist ein Problem:

Wie schon nach dem Kino-Massaker in Aurora und anderen Amokläufen gibt es auch dieses Mal wieder die üblichen Debatten. Die NRA und andere Waffenarren schreien nach mehr Waffen – denn wenn jeder Erwachsene eine Waffe trägt (natürlich nur zur Selbstverteidigung!), würde sowas ja nicht mehr passieren. Denn dann könne man den Übeltäter ja schnell erschießen. Genau. Total logisch.

Auf deren anderen Seite die Befürworter einer strengeren Waffengesetzgebung, die zum Beispiel auf diese Zahlen hinweisen:

Gun Violence in America

Die Kausilität zwischen laxen Waffengesetzen, Millionne von Schusswaffen in privaten Händen und der Anzahl der Menschen, die jedes Jahr durch Handfeuerwaffen umkommen, sollte eigentlich auf der Hand liegen. Und vor allem nach den Amokläufen sollte man doch eigentlich denken, dass es doch einen Konsens für schärfere Waffengesetze geben könnte. Nun ja: zum einen ist das Meinungsbild dazu ziemlich diffus (auch nach Amokläufen), zum anderen ist die Waffenlobby immens stark. Vor allem auf republikanischer Seite ist die National Rifle Association mit ihren mehr als 4 Millionen Mitgliedern eine nicht nur zahlenmäßig schlagkräftige Vereinigung. Die NRA gibt in Washington auch immens viel Geld für Lobbying aus:

Bislang scheuten sich aber auch die Demokraten, strengere Waffengesetze einzuführen – auch Obama. Doch eventuell ist nun die Zeit gekommen, dass sich doch etwas tut, das es eine breitere Debatte gibt. Zum einen ist Obama jetzt in seiner zweiten Amtszeit, er muss nicht auf seine Wiederwahl schielen und könnte nun auch bei weiten Teilen der Bevölkerung unpopuläre Gesetze durchdrücken. Dabei wird er nicht alleine stehen, denn auch andere prominente Demokraten wie Chuck Sumer und Diane Feinstein würden dahinterstehen, genau wie Michael Bloomberg.

Auf konservativer Seite springen aber wieder die üblichen Verrückten auf: Ann Coulter Und auch wenn die NRA so tut, als ob es keinen Amoklauf mit automatischen Waffen gegeben hätte, die echt niemand in den Händen haben sollte. Ann Coulter sagt, man brauche mehr Waffen und dazu Lizenzen, dass man diese auch versteckt tragen dürfte. Klar, sowas würde Amokläufer stoppen, denn sie würden sich dann ja wundern, ob die alte Dame nicht doch eine Neunmilimeter in der Handtasche hat. In Texas faselt Louie Gohmert, ein Miglied des House of Representatives, auch davon, dass die Lösung – natürlich – mehr Waffen seien. Wer wählt solche Typen eigentlich? Mike Huckabee hat natürlich wieder die Erleuchtung: Am Massaker sei natürlich die Tatsache schuld, dass Gott aus den amerikanischen Schulen verbannt worden sei.

Die Stimme der Vernunft bei all dem Wahnsiinn auf Fox News? Ausgerechnet Rupert Murdoch hat Obama via Twitter schon zweimal dazu aufgefordert, gegen automatische Waffen vorzugehen. Hoffentlich schwenken noch mehr Leute auf seinen Kurs ein. Und lesen den New Yorker.