Al und Joe: The Return of the Vizepräsident(en)

Es wurde ja auch Zeit, dass wir wieder gute Nachrichten zu vermelden haben. Dank den ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore und Joe Biden, können wir das heute auch, denn beide sind nach einigen ruhigeren Wochen und Monaten wieder mit neuen Ankündigen ins nationale Rampenlicht getreten.

Al Gore, Vizepräsident unter Bill Clinton von 1993 bis 2001, hat sich mit einem neuen Film zum Thema Klimawandel zurückgemeldet. Nach dem sehr erfolgreichen “An Inconvenient Truth” folgt nun mit “An Inconvenient Sequel: Truth to Power” – logischerweise die Fortsetzung. Nach Präsident Trumps Ankündigung, die Umweltschutzbehörde abzuschaffen und aus den Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens austreten zu wollen, könnte der Film zu keinem besseren Zeitpunkt kommen, um uns daran zu erinnern, wie dringlich die Lage ist und das die wissenschaftlichen Belege für das menschengemachte Debakel nicht wegzudiskutieren sind.

Joe Biden, der Diplomat

Sein Amtskollege Joe Biden hat heute über einen neuen Twitter-Account bekannt gegeben, dass im Herbst das Penn Biden Center for Diplomacy and Global Engagement als Teil der Pennsylvania University eröffnen wird. Wie der Name sagt, soll sich das Zentrum der Gestaltung globaler Beziehungen widmen. Was wohl schon länger geplant war, wirkt im Kontrast zur aktuellen Misere US-amerikanischer Außenpolitik wie ein Silberstreif am Horizont. Joe erinnert seine Landsleute und Politikerkollegen an den Wert von soft power, Bündnistreue und Diplomatie. Ein guter Schritt zum richtigen Zeitpunkt, Joe.

McCain singt, Barack Obama muss begleiten

Da veranstaltet der Barack in Denver die teuerste Grillparty des Sommers, aber wer kommt am Ende ins Fernsehen? Und in die Zeitung? Und sowieso? Der McCain. Mit der Nominierung von Ms. Alaska 1847 zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin: 3 Topartikel auf der Startseite der NY Times, die dem neuen Gespann McCain-Palin gewidmet sind, die ganze Startseite in der online-Ausgabe der heutigen LA Times, sogar der China Daily und die russische Itar-Tass bieten ganzseitige Artikel zum Thema. Obwohl letztere sicher andere Themen zu berichten hat (What the hell is G.o..ia?)

Damit ist McCain ein strategisch genialer Zug gelungen. Nicht nur, dass ER am Ende des demokratischen Nominierungsparteitags für die eigentlichen News sorgt. Sondern auch, dass er eine VP-Kandidatin aus dem Hut zaubert, die fast niemand kennt, die aber entsprechend wenig vorbelastet ist. Und die eine ganze Menge Wählergruppen zu McCain ziehen könnte, die bisher noch untentschlossen sind. Denn…

…Sarah Palin ist:
- (beinahe) rechtsradikal: Mit ihr kann man Bären jagen und die Häuser der Nichtgläubigen anzünden gehen. Damit dürfte sie die Gruppe der weißen, konservativen, evangelikalen Wähler ansprechen, die sich von McCain allein bisher wenig repräsentiert fühlen.

- eine Frau: In ihrer Art ist sie ähnlich weiblich wie Hillary Clinton und verkörpert wie diese Werte wie “Fleiß”, “Disziplin” etc. Bei einigen noch immer vergnatzten Hillary-Wahlkämpfern dürfte dies genügen, um McCain als Alternative zu Obama zu begreifen. Allein die Tatsache, dass McCain gelungen ist, was Obama nicht schaffte, nämlich eine Frau überhaupt aufzustellen, dürfte auch für die frauenbewegten Frauen (und Männer) zumindest für die eine oder andere Überlegung sorgen, ins McCain-Lager abzuwandern. (Natürlich nicht für die abtreibungsfanatischen Alt-68-Gender-Hippi-Muttis!)

- jünger als Barack Obama: Damit hält sie ein gewaltiges Pfund für McCain, denn Obamas “Change”-Gedanke war bisher immer auch als Generationenwechsel kommuniziert. Gegenüber dem biblisch alten McCain ging diese Rechnung auf; sogar parteiintern gegenüber Mama Hillary. Aber dank Palin kann Obama die “Change” à la Generationenwechsel-Karte nicht mehr als USP ausspielen. Denn, dass McCain ein Übergangskandidat ist, weiß jeder. Wer sagt aber, dass die Republikaner im nächsten Schritt mit Palin im Weißen Haus “Change” nicht genau so gut beherrschen, wie Obama?

Was bleiben dem Barack also nun für Argumente? Folgt der demokratischen Grillparty nun die Magenverstimmung danach?

Präsidentin Palin?

McCains Entscheidung für die 44-jährige Gouverneurin ist genial – solange sie Vizepräsidentein bleibt. Doch was, wenn die politisch völlig unerfahrene Sarah Palin tatsächlich als Päsidentin übernehmen müsste? Sollten die Republikaner das Weiße Haus gewinnen, würde jeder Schwächeanfall McCains zu einem nationalen Risiko, sagen Beobachter.

Wer hat den Probleme mit dem Älterwerden? Männer wohl nur dann, wenn sie auf die 40 zugehen und beginnen, Haare zu verlieren. Mit 72 Jahren ist man(n) darüber hinweg – vor allem wenn noch ein paar Haare da sind. Grund genug eigentlich für John McCain sich zurückzulehnen. Doch im Verlauf seiner Kandidatur ist sein Age-Problem eher größer als kleiner geworden.

Wie sonst ist es zu erklären, dass er an seinem 72. Geburtstag eine Vize vorstellt, die das Durchschnittsalter des repblikanischen ‘Tickets’ auf 58 Lenze herunterschraubt (übrigens immer noch zwei Jahre älter als das kombinierte Durchschnittsalter von Obama + Biden). Die 44-jährige Sarah Palin ist seit Dezember 2006 Gouverneurin von Alaska – verheiratet, 5 Kinder, sozial streng konservativ und ein Lifetime-Mitglied der National Rifle Association. Kurzum, eine mit zwei X-Chromosomen ausgestattete Version von Chalton Heston, nachdem er in einen Jungbrunnen geplumpst ist, wie eine Radio-Station feststellte.

Eine strategisch geniale Wahl sagen Einige: Obama spricht vom Wandel und engagiert einen 65-jährigen Washington-Insider als Vize. Stattdessen ist es McCain, der mehr Wandel demonstriert als Obama predigt. Palin ist jünger als Obama, kennt Washington in erster Linie von der landkarte und – natürlich – ist die einzige Frau im verbleibenden Wahlkampf.

Doch die Freude, mit der Verkündung Palins die Schlagzeilenhoheit (nach Ende der mehrtägigen Obama-Messe aka Democratic Convention) erreicht zu haben, könnte selbst bei Republikanern nur kurz währen. Denn was passiert in dem Fall dass die Nummer zwei, nicht nur als Wahlkampfbriefmarke herhalten sondern wirklich für den Präsidenten einspringen müsste? Palin regiert einen Staat, in dem mehr Rentiere als Menschen leben, kommentiert CNN. Ihre Auslandserfahrung sei gleich null und selbst den Gouverneursjob hat sie weniger als zwei Jahre. Sollten die Republikaner das Weiße Haus gewinnen, wird mit der Wahl Palins zum VP jeder Schwächeanfall von John McCain zu einem nationalen Risiko – gerade wegen seines Alters und gerade wegen ihrer Unerfahrenheit.

Nächste Woche folgt erst einmal die 4-tägige Krönungsmesse für John McCain. Doch wenn im Excel Energy Center in Minneapolis am Morgen des 5. September die Aufräumarbeiten zu Ende gehen und die letzten Konfettispuren verschwinden, könnte es auch vielen Republikanern dämmern: Dass der geniale Überraschungscoup John McCains bei Tageslicht betrachtet zu einem handfesten Problem wird.