Sarah Palin oder Die Geburt eines neuen konservativen Absolutismus

(Gastbeitrag von Katharina Körting)

Man kommt nicht an ihr vorbei. Man muss lesen, was sie tut, wie sie denkt, wo sie lebt – und man liest mit Interesse. Man betrachtet Fotos von Sarah Palin, Gouverneurin in Alaska und US-Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner: wie sie sich mit ihren Töchtern lachend über ein rosafarbenes Handy beugt, fischen geht oder mit ihrem jüngsten Sohn ins Büro – und man schaut wie gebannt. Erfährt, dass sie den Kleinen selbstverständlich bei der Arbeit stillt und überhaupt Einiges über die „Besonderheit“ von Frauen in Alaska, die zuerst in den Wäldern pinkeln gehen, um dann abends fürs Dinner den Lippenstift aufzulegen. Sie sei beruflich wie privat ein „Pitbull mit Lippenstift“, (Palin über Palin). Immerhin kommt hier kein Schaf im Wolfspelz daher: Die Kandidatin sagt, was sie denkt, und die ganze Welt nimmt zur Kenntnis, dass sie – nur als Beispiel – in der Schule den Unterricht der Darwinschen Evolutionslehre unterbinden will zugunsten des Schöpfungsmythos; oder dass sie sich selbst von Gott für berufen hält, etwas Großes zu vollbringen.

Man hört und staunt.

Als gehörte Palin zu einem seltenen Volksstamm; als wären die Vereinigten Staaten ein Land von Eingeborenen mit seltsamen Gebräuchen – und noch seltsameren Glaubensvorstellungen. „Irak – das ist ein Auftrag Gottes“, tönt die Kandidatin, und man empfindet diese Vereinigten Staaten, die einstigen engsten Verbündeten, als Teil einer fremden Welt, viel weiter entfernt als (zum Beispiel) das schwarze Afrika. Die USA, scheint es, haben undurchschaubare Riten und Sitten, Machtverläufe und familiäre Verquickungen, die für unsereins hier in Europa kaum nachvollziehbar sind. Man fragt sich: Wird all das verstärkt oder erst hervorgerufen durch die Medien? Und man staunt (mit einem Anflug von Neid) über Mrs. Palins offenbar absolute Zweifelsfreiheit in religiöser, politischer, moralischer und lebenspragmatischer Hinsicht.

Und doch bleibt die bittere Ironie, dass ausgerechnet eine republikanische Politikerin wie Sarah Palin etwas zu sagen haben soll, ja: das allgemeine Weltbild beeinflussen darf durch ihre mediale Präsenz!, denn jeder Rückschritt, den sie stolz öffentlich vollzieht und als neuen Wert verkauft wie ein Gebrauchtwagenhändler seine nur notdürftig lackierte Schrottkarre, ist ihr ja erst möglich durch die harten Kämpfe ganz anderer Frauen: Erst mithilfe feministischer und anderer Freiheitskämpfe konnte eine Sarah Palin so weit kommen. Und sie weiß es nicht mal. Und nun fällt diese Frau – stellvertretend übrigens für viele andere, die auf den Schultern der Vorkämpferinnen stehen, die sonst ja gar nichts sehen könnten! – jeder anderen in den Rücken, die nicht ihrer eigenen Denk- und Lebensart entspricht, die sie als Norm postuliert: konservativ bis ins Mark, religiös bis zur Hysterie, bigott bis ins kleinste Detail. Der Pitbull mit Lippenstift beißt zu mit einem Lächeln, und er beißt sich fest. Die Reaktionärin wirkt so voller Leben und Kraft, dass Barack Obama dagegen plötzlich erschreckend blass aussieht.

Was macht diese von Mr. McCain aus dem Hut gezauberte Kandidatin so faszinierend? Sie erregt die Gemüter (und die Phantasien!), weil sie auf eine sogar für die USA bislang unerhörte Weise Politisches und Privates verknüpft und nach außen zur Schau stellt. Und auch dies enthält eine deftige Ironie: Haben nicht einst die 68er postuliert, wie politisch das Private sei – und wie privat das Politische? Sarah Palin macht es nach – und macht es vor: stellt ihre gesamte Familie auf der Parteitagstribüne ins Rampenlicht, inklusive der minderjährig schwangeren Tochter, die quasi öffentlich unter Lächeln genötigt wird, den – ebenfalls unter Anwesenheitspflicht stehenden – Erzeuger zu heiraten: „Wir sind die Guten, schaut her“.

Aber sind sie die Guten? Gegen die Wucht ihrer Präsenz muss man sich beinahe zwingen zu fragen: Was hat Sarah Palin außer Erregung tatsächlich zu bieten?

Sie verquickt ihre Familie mit ihrem Job auf eine Weise, die hierzulande größtes Befremden auslösen würde. Sarah Palin zeigt sich und die ihren so schamlos vor, dass sie aufreizender wirkt als jeder nackte Busen und jedes enthüllte Merkelsche Dekolleté es je vermöchte. Und wird als eine der ihren gefeiert von allen amerikanischen „Hockey-Mums“, jenen nicht erwerbstätigen Vorstadtmüttern, die ihre Kinder von Termin zu Termin kutschieren, obwohl diese Kandidatin-Mum selbst ja alles andere als eine Hockey-Mum ist: Dafür hat sie zu hohe Ansprüche an ihre Karriere, zu unregelmäßige Arbeitszeiten, einen zu unregelmäßig arbeitenden Ehemann und einen zu hochgestellten Job.

So verkörpert Palin auf perfekte Weise die Widersprüchlichkeit der religiös-konservativen Vereinigten Staaten in all ihrer Bigotterie und Beschränktheit. Sie steht für eine Provinzialität, die kraftvoller – und verführerischer! – wirkt als der urbane Zweifel der Heterogenität. Homosexualität? Alleinerziehende Mütter? Patchworkfamilien gar? Armut? Ein kirchenfreies Dasein? Überhaupt „Freiheit“, die nicht nach dem konventionellen, republikanischen Muster gestrickt wäre? All das existiert für Mrs. Palin ebenso wenig wie Alternativen oder andere Länder und Kulturen: kommt in ihrem Leben nicht vor. Hat also auch politisch keinen Belang.

Man begreift: Sarah Palin hat deshalb so viel Power, weil sie keine Kraft auf Zweifel vergeudet. Diese Kandidatin weiß, was richtig ist. Ihre Weltanschauung entspricht ihrem Leben und vice versa, und diese medial vertausendfachte Deckungsgleichheit wirkt mit einer enormen Wucht. Da wird unter mächtigem Geschrei ein neuer republikanischer Absolutismus geboren, ein Hybrid, dessen Handicap – eine Art besessener Beschränktheit – gerade zur Waffe werden könnte: gegen alles Gute, Wahre und Schöne, was ein freies Amerika auch sein könnte.

Katharina Körting ist Texterin und Konzeptionerin für KOMPAKTMEDIEN – Die Kommunikationsbereiter | www.kompaktmedien.de

Wie wählt Amerika?

Die Bundeszentrale für politische Bildung, das Institute for Cultural Diplomacy und das Amerika Haus Berlin veranstalten ab dem 29. September eine Diskussionsreihe zu den Präsidentschaftswahlen in den USA. Vor allem am 13. Oktober wird es sicher sehr unterhaltsam und lebhaft, wenn bei der Podiumsdiskussion “US-Wahlkampf in Berlin” Demokraten und Republikaner aus Berlin live aufeinander treffen. Das gesamte Programm gibt es im Detail hier.

Who is flip-flopping now?

Beginnen wir einfach mit einem Zitat aus der Washington Post:

A decade ago, Sen. John McCain embraced legislation to broadly deregulate the banking and insurance industries, helping to sweep aside a thicket of rules established over decades in favor of a less restricted financial marketplace that proponents said would result in greater economic growth.

Heute sieht die Situation – natürlich – schon ganz anders aus. Laut McCain, würde er – und mit Gottes Willen sollte das ja überhaupt kein Problem sein – gewählt werden, so würde seine Administration die Jungs und Mädels von der Wall Street sehr viel besser kontrollieren.

Die harte Hand des regulierenden Mavericks hätte allerdings auch vor ein paar Jahren ihren Gebrauch finden können. Hätte er es den gewollt. Statt dessen hat er, zusammen mit einigen anderen Republikanern, die Schrauben der Regulierung weiter aufdrehen lassen.

Unter anderem war es der Gramm-Leach-Bliley Act, welchen Phil Gramm angestoßen hat, der die Schranken zwischen Investmantbanking und Versicherungen aufgebrochen hat. Es sind diese mangelnden Schranken, die dazu geführt haben, dass AIG, einer der größten Versicherer dieser Welt, durch spekulative Geschäfte ins Straucheln kommen konnte und nun vom Staat “geschluckt” wurde.

Im übrigen ist der selbe Phil Gramm, welcher heute Ökonomieberater des McCain-Palin-Teams ist.

Wenn ich es mir recht überlege, dann muss ich wohl den Vorwurf des flip-floppings zurück ziehen. McCain ist nur auf Wählerjagd. Sollte er tatsächlich gewinnen, ist es nur sehr schwer abzuschätzen, ob er sich denn tatsächlich an die heutigen, sehr wage formulierten Versprechen halten würde. Die Vermutung, dass es nur leere Versprechen sind, scheint aber nicht vollkommen aus der Luft gegriffen zu sein.

McCain auf der Siegerstraße

Die Amerikaner haben es nicht leicht. Am 4. November haben sie die Wahl zwischen einem militanten Opa und einem noch grünen Schaumschläger, die sich auf das Amt des 44. Präsidenten der USA bewerben. Keine leichte Wahl.

Derzeit sieht es so aus, als würde John McCain, der militante Opa, das Rennen machen. In vielen der noch untentschiedenen, sog. Swing-States scheinen die Wähler zu ihm zu tendieren. Woran liegt das? Natürlich an der Wahl von Sarah Palin zur VP-Kandidatin. Man kann von ihr halten, was man will. Fakt ist, dass sich mit diesem Schachzug McCain erstmals die Hoheit über das kommunikative Agenda-Setting gesichert hat. Obama findet fast nur noch in Bezug auf McCain statt und verschwindet so langsam als eigenständiges Thema.

Auch die Wirtschaftslage und Finanzkrise in den USA spielen in McCains Tasche. Obgleich man seine Partei für die schlechte Lage mitverantwortlich macht, bleibt McCains Image davon unberührt. Warum? Weil McCain paradoxerweise zugleich für Stabilität und für „Change“ stehen kann. „Change“ repräsentiert er, weil er trotz seiner langjährigen Senatszugehörigkeit immer noch als outlaw im Hinblick auf die etablierte politische Elite in Washington gilt. Stabilität verkörpert er allein aufgrund seiner persönlichen Geschichte. Die Menschen kennen ihn. Sie wissen, mit wem sie es bei McCain zu tun haben, wie er agiert und sich aufstellt, was für Kompetenzen er hat und wo er schwach ist.

Genau das ist das Problem bei Obama. Die Menschen kennen ihn nicht. Insbesondere die Leute zwischen den Küsten fragen sich, wer oder was ist dieser Mann? Natürlich kennt jeder seine biographischen Daten. Aber es gibt keine Story, der Mann ist nicht einschätzbar, er ist ein unbeschriebenes Blatt.

Gerade in wirtschaftlich und außenpolitisch unklaren Zeiten verunsichert so etwas die Wähler eher. Ein Visionär ist gut – aber Luxus. Man muss sich Visionen leisten können. In den frühen 1960er Jahren funktionierte das: die Nachkriegswirtschaft in den USA boomte, die weiße bürgerliche Kernfamilie war intakt, es gab so etwas wie eine gesellschaftliche „Mitte“. Leichtes Spiel also für jemanden, der Visionen versprach, wie der damalige Präsidentschaftskandidat John F. Kennedy. Visionen versprechen einfach einen gewissen Unterhaltungswert.

Jedoch in Zeiten von Bankenpleiten wie Fanny Mae und Freddie Mac, von sinkenden Immobilienwerten, steigenden Privatinsolvenzen und Arbeitslosenzahlen und der ständigen Gefahr des „unsichtbaren Feindes“ (Terrorismus) ist den meisten Amerikanern das eigene Hemd näher als jegliche Vision. Man lässt in solchen Zeiten keinen Mann ans Ruder, bei dem man nicht sicher sein kann, ob er im Zweifelsfall das Brems- vom Gaspedal unterscheiden kann. Den man nicht kennt. Nicht einschätzen kann. Mit dem man nicht über einige Jahre bereits sozialisiert wurde. Obama eben. Und darum sind McCain und Palin auf der Siegerstraße.

Karl Rove kritisiert John McCain

Huch? Ja, richtig, Karl Rove, Chief Republican Schurke – kurz CRS – ist der Auffassung, dass die McCain und sein Team mit den Inhalten ihrer Werbespots zu weit geht. Die Inhalte entsprechen nicht dem, was 100% der Wahrheit entspricht. Ja, ja, es entspricht nicht 100% der Wahrheit, was aus dem Republikaner Camp entstammt.

Ok, er kritisiert auch gleichzeitig Obama, doch das ist nichts außergewöhnliches oder erstaunliches.

In other News: Eigene Beraterin hält McCain und Palin für schlechte Chefs

Immobilienkrise: Republikaner ‘säubern’ Wählerlisten

Republikanischer Wahloffizielle haben offenbar begonnen, Wähler von Wahllisten zu streichen, die gegenwärtig oder demnächst möglicherweise keinen festen Wohnsitz mehr haben. Betroffen sind davon in erster Linie Menschen, die durch die Immmobilienkrise ihre Hypothek nicht mehr bezahlen können und dadurch ihr Dach über dem Kopf verlieren (und nicht nur deshalb eher demokratisch wählen würden). Das berichtet der Guardian.

Alles Hirngespinste über eine GOP-Verschwörung? Nein, vielmehr De Ja Vu. In Florida lief’s 2000 nicht unähnlich. Der Guardian-Bericht ist ein Hinweis darauf, dass es 2008 mit dem gleichen Trick (in neuer Spielart) wieder klappen könnte.

Change – zu ‘strange’ für Amerika?

Schild neben einer Kirche

Mit der Wahl Sarah Palins zu seiner Vize hat sich der politische Pyrotechniker John McCain wahlkampftechnisch einen Knallfrosch der Extraklasse ins Sortiment geholt: jede neue Enthüllung über Misswirtschaft und persönliche Vorteilsnahme in ihrem Heimatstaat Alaska lässt die republikanischen Wahlkampfstrategen in Deckung gehen, ebenso, wenn sie im TV den Mund aufmacht und politische Unzulänglichkeit offenbart.

Palin knallt, unaufhörlich, unvorhersehbar, und wohin sie (und McCain) nachher landen ist nicht absehbar. Oder vielleicht doch? Knallfrosch Palin ist bei den Evangelikalen eingeschlagen wie eine Bombe. Die christliche Rechte kann sich durch sie wieder mehr für McCain for President erwärmen.

Und was macht Obama? Seine Kampagne wirkt angesichts der republikanischen Herausforderug aus Alaska wie ein kollektives Fragezeichen. Und doch könnte Palin am Ende nur das kleinste Problem für die Demokraten sein.

Gerade schwarze Wähler unterstützen Obama in bisher nicht dagewesener Weise. Das bringt aber nur dann etwas, wenn sie denn überhaupt an die Urne dürfen. Der Einwand (‘Obama schwitzt nicht – er sollte’) kommt von dem investigativen Reporter Greg Palast. Der war unter anderem an der Enthüllung der Unregelmäßigeiten in Florida im Zuge der vorletzten Präsidentschaftswahlen beteiligt gewesen. Jetzt warnt er, dass viele schwarze Wähler, insbesondere in Swing States und kritischen Wahlbezirken durch fadenscheinige Begründungen an der Abgabe ihrer Stimme gehindert werden würden.

Obama hat ein zweites großes Problem, das auch Umfragen nicht abschätzen können: Er ist und bleibt zu ‘strange’. Und das bezieht sich auch auf eine Charakteristik, die bislang nicht groß zur Debatte stand: seine Hautfarbe. Wie viele der Amerikaner, die jetzt öffentlich lautstark den Wandel beschwören im November in der Abgeschiedenheit der Wahlkabine doch das Kreuz bei dem ‘Anderen’ – oder gar nicht – machen, ist unbekannt.

Regulierung der Deregulierung

Was ist eins der Wahlversprechen der Republikaner? Deregulierung?

Heute, am Lehman Monday, sehen wir, was aus Deregulierung wird. Merrill Lynch, die drittgrößte Investmentbank wird von der Bank of America gekauft. Lehman Brothers, die fünftgrößte Investmentbank der USA versuchte letzte Woche einen Käufer zu finden. Vergebens, weder der Staat wollte, wie im Fall von Bear Sterns, helfen, noch gab es einen Käufer. Chapter 11 wurde bereits angemeldet, Mitarbeiter entrüstet, entlassen.

Ich bin kein Finanzexperte. Mein Wissen ist mehr als Laienhaft, ich verfolge die Finanzkrise aus drei Gründen: Ich bin ein Nachrichtenjunkie, die Finanzkrise betrifft uns alle und außerdem liest sich das alles zum Teil wie ein sehr spannender Thriller. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass die aktuellen Ereignisse als Vorlage für so einige (Dreh)Bücher gelten werden.

Aber was hat das mit dem US-Wahlkampf zu tun und warum erzählt dieser Politikwissenschaftler nun etwas von Banken? Na, weil ich finde, dass diese Krise ein hervorragendes Beispiel für falsche Politik ist. Politik, die es erlaubt hat, dass der Staat sich doch wieder einmischen muss aber dann mit großen Investitionen. Ein Staat, der nicht dafür sorgt, dass es zu keiner Krise kommt, sondern einen Kollaps zu verhindern versucht, versagt in seiner Funktion und sollte eingestehen, dass Deregulierung nicht das einzige Mittel ist.

Mal sehen, was die Demokraten aus den aktuellen Ereignissen machen werden – ich bin schon sehr gespannt.

Die Zukunft sieht gar nicht rosig aus

Ich bin sehr froh, dass der Präsident in den USA nur alle vier Jahre gewählt wird.

Warum? Weil ich so frustriert bin über das was ich lese, höre und sehe. Es ist frustrierend zu sehen, wie die größte Industriemacht dieser Welt in immer größeren Schritten den Weg in die Steinzeit sucht und es ist frustrierend zu sehen, dass selbst einem Barack Obama und seinem Team die Möglichkeiten ausgehen, weil es nicht um Inhalte geht.

Das ist kein rationaler Beitrag. Ich werde auch sicherlich nicht auf Beispiele verlinken. Doch wenn man sich mehrere Jahre mit diesem Land und mit den Menschen die dort leben beschäftigt, muss man sich nahezu die Frage stellen, wie es eigentlich noch nicht zu einem Bürgerkrieg gekommen ist. Ich schätze, dass es etwas mit der Größe des Landes zu tun hat; würden die so nah auf einander sitzen, wie wir in Deutschland, würde in den USA vermutlich Blut auf den Straßen Fliesen.

Klingt das drastisch und vollkommen absurd? Es ist es aber nicht. Rot und Blau sind dort nicht nur Farben welche die einzelnen Parteien symbolisieren, es sind dort Bekenntnisse zu vollkommen unterschiedlichen Auffassungen zu Leben und Ethik.

Derzeit lese ich, auf die Empfehlung von Adrian hin, “What’s the matter with Kansas?”. Ein grandioses Buch. Reicht an vielen Informationen und dazu auch noch so angenehm geschrieben, dass man es selten zu Seite legen will. Manchmal tue ich es dennoch, weil ich es gar nicht begreifen kann, wie der Autor es geschafft hat alle diese Informationen zusammen zu tragen ohne vor Wut aus dem Fenster zu springen. Die Irrationalität der Geschehnisse in Kansas, die symbolisch für das gesamte Land stehen, sind viel zu absurd um wahr zu sein.

Es ist traurig. Es ist wirklich ein trauriges Zeugnis des 20. und 21. Jahrhunderts, dass besonders die USA in derart großen, schnellen Schritten in die Vergangenheit unterwegs ist und meine frustration beruht auf der Tasache, dass ich in dem Glauben aufgewachsen bin, dass die Zukunft immer besser sein muss als die Vergangenheit. Besser in dem Sinne, dass wir uns als Zivilisation weiter und nicht zurück entwickeln. Ich bin nicht mehr sicher, ob mein Glauben berechtigt ist.

The Revolution was not televised (fast nicht jedenfalls…)

Eine Geschichte, die im ganzen Brouhaha (oder Brewhaha!?) fast völlig unterging, war der “Gegen-Parteitag” zur offizielen Repblican National Convention. Jawoll, auch die völlige Aussichtslosigkeit stört ihn nicht, Ron Paul wahlkämpfert (ha – noch kein Treffer bei Google, also neues Wort kreiert!) immer noch. Und ärgert damit den Rest der republikanischen Partei. Die hatten sich eigentlich auf einen Gipfel ganz im Zeichen von Palin, McCain und einer neuen Party Unity eingestellt, befeuert durch die ultrakonservative evagelikale Basis, die McCain nach der Wahl seiner Vizepräsidentin auf einmal wieder lieb hat. Und dann das: erst protestierende Friedensaktivisten, dann kam auch noch die ‘Ron Paul Revolution’ mit ihrer ‘Rally for the Republic’ nach Minnesota

Getragen von einer Internet-Grassroots-Kampagne, über die er fast seinen kompletten Wahlkampffinanzierte, sorgte Paul bei den republikanischen doch für einige Furore. Und diese Netroots – die auch in Deutschland sehr aktiv sind: ron.paul.blog.de (mit umfassender Berichterstattung über die ‘Rally for the Republic’), baviaria-for-ron-paul.blogspot.com, ‘Ruhrpott for Ron Paul sind ein paar Beispiele – sind dem ausgemachten Libertarian immer noch treu, sind immer noch immens aktiv – und das nicht nur in der virtuellen Welt.

Zur ‘Rally for the Republic’ kamen denn auch mehrere Tausend Anhänger, Jesse Ventura (Ex-Wrestler und Ex-Gouvernor von Minnesota), TV-Moderator Tucker Carlson (wird hier von Jon Stewart gegrillt) und Barry Goldwater Jr. waren auch da. Ebenso leider die John Birch Society.

Was hat der Auftritt gebracht: ein paar Republikaner haben sich über die Counter-Convention geärgert. Doch sie haben die Veranstaltung geflissentlich und erfolgreich ignoriert: Eigentlich sollten mehr als 78 Delegierte für Ron Paul stimmen, am Ende waren es jedoch nur 15. Ein paar der großen Printmedien haben berichtet, einige TV-Sender waren vor Ort.

Vor allem hat dürfte die Veranstaltung aber das Zusammenhörigkeitsgefühl und die Entschlossenheit der Paul-Anhänger gestärkt. Sie werden mit Sicherheit nicht John McCain unterstützen. Eher schon Barack Obama, da er ihnen zumindest mit Hinblick auf die Irak-Politik näher steht. Mehr als eine Splittergruppe werden sie jedoch auch in Zukunft nicht sein. Und Ron Paul wird weiterhin als Equivalent zu Ralph Nader auf der Rechten versuchen, einen Sinneswandel innerhalb der republikanischen Partei hin zu seinen Forderungen und Zielen zu erreichen.

Hier gibt es noch einen Bericht von der ‘Rally for the Republic’:

Karl Rove vs. Karl Rove (und andere Wendehälse…)

Wie schnell sich Meinungen doch ändern können, wie leicht man sich widersprechen kann. In den Hauptrollen: Karl Rove und Karl Rove, Bill O’Reilly und Bill O’Reilly, und anderen – “all bitterly divided”.

Joe Liebermans Aussagen zu Obama sind auch sehr unterhaltsam:

Das Leben des John McCain in einer Google Map

Heute wird John McCain auf der Convention der Republikaner seine große, wichtige Rede halten. Das heutige Thema des Parteitags ist zwar “Peace” (erinnert sich noch jemand an “Bomb, bomb, bomb, bomb, bomb Iran”)… wenn man die Reden von Fred Thompson, Sarah Palin und anderen aber als Indikator nimmt, wird sich vieles in dieser Rede um seine Vergangenheit drehen, um seine Erfahrungen als Soldat und Kriegsgefangener drehen – und die damit verbundenen Qualitäten und Charaktereigenschaften, die ihn nun für das Amt das Präsidenten befähigen. Wer sich nochmal den Lebensweg John McCains en detail anschauen will, sollte sich einfach durch die folgende Google Map klicken:

Rock & Roll in St. Paul

“She delievered!”, würde man in den USA sagen und das hat Sarah Palin tatsächlich. Das Image, einer hockey mom, gemischt mit scharfen Angriffen gegen Obama, pseudo-romantisierender Märchen und Humor scheint bei den Republikanern genau richtig anzukommen. Die Tatsache, dass Palin einen schwierigen Start in den Wahlkampf hatte wirkt sich, zumindest am gestrigen Abend in St. Paul, nicht zu ihrem Nachteil aus.

Man kann es kaum glauben aber es scheint so, als ob Palin es sogar zum Vorteil gereicht, dass ihre Tochter im fünften Monat schwanger ist. Dieser Fehler, diese mangelnde Perfektion macht sie, in den Augen ihrer potentiellen Wähler, menschlicher und weniger unnahbar – etwas, was John McCain bisher nicht geschafft hat. Und Palin – wie es sich für eine ordentliche Karrierepolitikerin gehört – nutzt es aus.

Und was machen die Demokraten? Sie schauen zu und können nicht viel machen. Eine Ausnutzung der Situation war schnell vom Tisch als Obama selbst bekannt gegeben hat, dass das eine reine Familienangelegenheit ist und nicht zum Wahlkampfthema gemacht werden kann. Das nice guy Image haftet ihm an.

Die Republikaner dagegen hätten kein Problem damit diese Situation auszuschlachten. Wir wissen alle was passiert wäre, wenn es die Tochter von Obama und nicht von Palin wäre. Die weißen und erzkonservativen Christenvereinigungen würden sich auf das unberechtigte Klischee stürzen und das ohne Gnade.

Das hier ist kein Aufruf um die Schwangerschaft von Bristol Palin für den Wahlkampf auszuschlachten. Doch eins steht fest: Die Republikaner haben es, mit den unterschiedlichsten Mitteln, geschafft den Konvent der Demokraten vergessen zu machen. Die schiere Flut an unterschiedlichen Nachrichten, die sich rund um den Konvent der Republikaner und Hurrikane Gustav angesammelt haben, überdecken so ziemlich alles was die Demokraten letzte Woche aufgebaut haben.